b. Der Aufschluß im Steinschlag
Die auffällige Hanganbruchsform des "Steinschlag" (s. a. S. 149) bietet 300 m westlich des Bärentals einen schönen Aufschluß verschiedener Lockersedimente.
Auf 1470 m Höhe ist inmitten der muschelförmigen Anbruchsform ein Lockersedimentstapel erhalten geblieben, dessen Genese aufgrund seiner eigenartigen Position und Lagerungsverhältnisse ohne genaue sedimentologische Untersuchung nicht einwandfrei zu klären ist. Aufgeschlossen ist eine Folge von insgesamt fast 20 m. Das polymikte Material (s. Abb. 75) setzt sich aus Serpentinitgeröllen, Schwarzphyllitplatten, plattigen Quarziten, Gneisen des Altkristallins, Marmoren und Grünschieferstückchen zusammen. Damit sind praktisch alle bis zum Hauptgrat anstehenden Gesteine vertreten. Zentralgneisgerölle finden sich nicht.
Die fehlende Einregelung der Komponenten nach der Hangneigung, die in Aufschlüssen des Hangschutts am Rande der Anbruchsform deutlich zu erkennen ist und zu einer annähernd hangparallelen Schichtung führt, spricht gegen eine Deutung des Sediments als normalen Hangschutt oder Hangschutt einer oberhalb liegenden Moräne. Leider sind in den benachbarten Böschungsanschnitten meist nur die obersten 1,5 m aufgeschlossen, so daß ein Vergleich des Materials nicht möglich ist. Um normalen Hangschutt kann es sich aber schon aufgrund der Zusammensetzung nicht handeln, da die Nord- und Nordosthänge des Hochfeld keinen solch polymikten Schutt liefern können.

Abb. 75: "Steinschlag-Sediment" (Objektivdeckel als Maßstab, Ø 5cm.)
Die 350 m Höhe des Sedimentstapels über dem heutigen Talgrund, schließt seine Erklärung als Rest der von HANNSS (1967) beschriebenen schlernzeitlichen Talverschüttung aus, da diese ein solches Ausmaß sicher nicht annähernd erreicht hat. Eine Deutung als interglaziale Schotterfüllung des Haupttals, vergleichbar der, die KLEBELSBERG (1935) für das Rienz-Tal in 1320 m oberhalb Dorf Toblach (1240 m) und für das Drau-Tal oberhalb Lienz (673 m) bis in Höhen zwischen 1100 m und 1300 m beschreibt, scheidet im Ahrntal ebenfalls aus.
Moränenablagerungen eines Bärental-Gletschers oder des Ahrntal-Hauptgletschers wären durch fehlende Schichtung gekennzeichnet, und es würden sich gekritzte Geschiebe finden. Im "Steinschlag-Sediment" fehlen jedoch gekritzte Komponenten. Außerdem scheint es undeutlich, fast horizontal geschichtet zu sein (s. Abb. 75). Bei einem über den steilen Haupttalhang abbrechenden Bärental-Gletscher wäre es zudem wahrscheinlich nicht zur Ablagerung mächtiger Moränensedimente gekommen.

Abb. 76: "Steinschlag-Sediment" mit rinnenartigem Sedimentgefüge.
Die Einordnung der Ablagerung als fluviatiles bis glazifluviatiles Sediment, abgelagert am Rande eines großen Haupttal-Gletschers oder unterhalb eines zwischen 1500 m und 1600 m endenden Gschnitz-Talgletschers des Bärentals, scheint am wahrscheinlichsten. Im letzten Fall bereitet die Erklärung der Ablagerung selbst, wie die der undeutlichen, nur flach taleinwärts einfallenden Schichtung, an dem mit 30° bis 40° steil abfallenden Haupttalhang Schwierigkeiten. Die Sedimentation am Rande eines Haupttal-Gletschers würde die undeutliche, annähernd horizontale Schichtung des Sediments dagegen erklären. Für diese Deutung spricht ebenfalls ein rinnenartiges Sedimentgefüge, welches an der Ostseite des Aufschlusses beobachtet wurde (s. Abb. 76).
Eine Klärung der Ablagerungsgeschichte würde Rückschlüsse auf die Entstehung der gesamten Hanganbruchsform des Steinschlages und deren Datierung ermöglichen.
Das Sediment auf der Erosionsdiskordanz (s. S. 160, Abb. 92) an der Ostseite des Steinschlages auf 1320 m (s. Abb. 77) besteht aus dem gleichen Material. In den unteren 4 Metern ohne erkennbare Schichtung oder Einregelung, geht es nach oben eindeutig in normalen Hangschutt über. Es könnte ein Hinweis zumindest dafür sein, daß es sich beim 150 m höher gelegenen Sedimentstapel tatsächlich um die glazifluviatilen Ablagerungen eines hochglazialen Haupttal-Gletschers handelt.

Abb. 77: Sediment an der Ostseite des "Steinschlags" auf ca. 1320 m.
c. Hangschutt
Ein großer Teil des bearbeiteten Gebietes wird von Hangschutt bedeckt. Bei der Kartierung war zwischen Hangschutt mit Bodenbildung und Hangschutt ohne oder nur unwesentlicher Bodenbildung zu unterscheiden.
Als Hangschutt mit Bodenbildung wurden Bereiche mit geschlossener Bodendecke kartiert. Diese sind an den Haupttalhängen meist bewaldet, werden teilweise aber auch als Wiesen und zu einem geringen Teil als Äcker genutzt. In den Nebentälern stellen diese Bereiche neben dem Talgrund die Weiden oder sind ebenfalls bewaldet. Natürliche Aufschlüsse sind selten. Die beim Straßenbau kurzzeitig geschaffenen Aufschlüsse ergaben Hangschuttmächtigkeiten von wenigen Dezimetern bis über 2 m.
Hangschutt ohne Bodenbildung sind Schuttfelder und aktive Sturzhalden, meist ohne jegliche Bodenbildung und Bewuchs. Hangschutt mit unwesentlicher Bodenbildung sind die meist mit Gras bewachsenen passiven oder absterbenden Halden, auf denen sich eine geschlossene Bodendecke bisher nicht oder nur sehr geringmächtig gebildet hat. Der Grasbewuchs beginnt bei diesen Halden meist oben, da sich hier der feine Schutt befindet, während er zum Fuß der Schutthalde hin immer gröber wird.

Abb. 78: Talschluß Bärental. Unter den Steilwänden im hintersten Talschluß befinden sich aktive Sturzhalden. Die Halden am Seitengrat
werden zunehmend passiv, der Bewuchs nimmt zu. Zum Teil durchziehen Murstriche die Halden
Als sicheres Zeichen für Aktivität oder Passivität von Halden ist der Grad ihres Bewuchses nicht zu verwenden, da dieser auch vom Gestein, der Höhe und den klimatischen Voraussetzungen für das Pflanzenwachstum, d.h. auch von der Exposition der Halde abhängt.
Die größten Schuttfelder und Sturzhalden finden sich in den Talschlüssen unterhalb der Steilwände des Altkristallins, kleinere treten im Bereich des Serpentinits und untergeordnet auch unter den steilen Hangstücken der Schwarzphyllite auf.
Unterhalb der aktiven Sturzhalden der Talschlüsse setzt an den Hängen verstärkt der Bewuchs ein. Die schuttliefernden Wände der Seitengrate sind meist weniger steil entwickelt, die Halden werden zunehmend passiv. Auf diese Halden münden oft Erosionsanrisse und Rinnen, aus denen bei starken Regenfällen Murschübe abgehen. Die Muren (s. Abb. 78) tiefen sich im steilen oberen Teil der Halden durch die Erosion des dort feinen und relativ lockeren Materials ein und akkumulieren ihr Material erst am flacheren Haldenfuß oder darunter.
Die Steilheit der Halden beträgt meist um 30°; aktive sind in der Regel steiler als absterbende und passive. Genaue Winkelangaben erweisen sich aufgrund der sich ändernden Steilheit der Halden, bzw. wegen ihrer Konkavität, als schwierig.
d. Talfüllung
Da die fast unmittelbar am Hangfuß der südlichen Haupttalhänge verlaufende Ahrn oder die in ihrer unmittelbaren Nähe verlaufende Hauptstraße die nördliche Grenze des Kartiergebietes markieren, waren Talsedimente in der Geologischen Karte kaum zu berücksichtigen.
Periodische Überschwemmungen führten im erfaßten Gebiet zu unbedeutenden ebenen Aueböden. Sie werden als Wiesen genutzt und in jüngerer Zeit verstärkt auch mit Wohnhäusern bebaut. Talbereiche mit mächtigeren Schottern sind, wie 200 m östlich der Mündung des Großklausenbaches in die Ahrn, meist bewaldet. Hinweise für oder gegen schlernzeitliche Talverschüttungen des Ahrntales, wie sie HANNSS (1967) vermutet, fanden sich nicht, da entsprechende Aufschlüsse im Untersuchungsgebiet fehlen.
Insgesamt treten fluviatile Sedimente nur in geringem Maße auf. Rezent überwiegt die Erosion.
Verfälscht werden die natürlichen Prozesse durch die Einflußnahme des Menschen. Jüngst nach dem Hochwasser im August 1987 wurden das Flußbett ausgebaggert, das Flußufer befestigt und Uferabschnitte durch künstliche Aufschüttungen wieder saniert. Die außerhalb des Flußbettes abgelagerte Schuttfracht wurde größtenteils für bauliche Maßnahmen im Zuge der Sanierung verwendet.
In den Nebentälern stellen glazigene Sedimente und anmoorige bis moorige Böden sowie teilweise bis ins Tal reichende Schuttfächer und bewachsene Schuttkegel den größten Teil der Talfüllung. Selbst in den Flachstrecken treten sandige bis kiesige Ablagerungen der Bäche nur sehr untergeordnet auf. In den Steilstrecken erodieren die Bäche - teilweise hält sich noch Grobschutt, oft schneiden sie sich aber auch in anstehendes Gestein ein.
e. Schwemm- und Murkegel
Die großen Bäche aus den Nebentälern haben bei ihrer Mündung in das Haupttal die mitgeführte Schuttfracht zum Teil in Form von Schwemmkegeln abgelagert. Während der des Bärenbachs durch das tiefere Herabreichen seiner Mündungssteilstrecke nur schwach ausgebildet ist, stellen die deutlich ausgeprägten Schwemmkegel des Großklausen- und Pürschbachs auffällige morphologische Formelemente des Haupttalbodens dar. Ihre Mantelflächen sind glatt und nicht steiler als 10° geneigt. Sie werden als Wiesen oder Baugrund genutzt. Die beschriebenen Schwemmkegel sind zur Zeit passiv - Großklausen- und Pürschbach haben sich sogar bis zu 5 m in ihre eigenen Ablagerungen eingetieft.
Im Kartiergebiet kam es zu keinen deutlich ausgeprägten reinen Murschuttkegeln im Haupttal. Die schmalen Erosionsanrisse und -rinnen der Haupttalhänge, in denen zum Teil kleine Rinnsale fließen, haben sich meist bis direkt zur Mündung in die Ahrn eingetieft - ihr Schutt wird vom Fluß abtransportiert.
Zwei schöne Murschuttkegel finden sich dagegen an der Nordostflanke des Hochfeld im Bärental (s. Abb. 79). Beide laufen auf der Moränenrandterrasse aus. Während der südliche Kegel weitgehend inaktiv ist, wird der nördliche auch rezent immer wieder von Murschüben überschüttet (s. S. 152).
Die Mantelflächen dieser Murschuttkegel sind mit über 20° Neigung bedeutend steiler als Schwemmkegel.

Abb. 79: Murkegel auf der Moränenrandterrasse am Nordosthang des Hochfeld. Die Murablagerungen unterhalb der Kegel haben den
Terrassencharakter noch verstärkt. Am rechten Kegel ist die frische Murspur vom August 1987 zu sehen (s. S. 153).
Der Murschutt auf der Moränenrandterrasse ist größtenteils bereits beseitigt.
f. Tuff- und Sinterbildungen
Die kalkreichen Wässer der Oberen Schieferhülle führen an manchen Stellen zu rezenter Tuffbildung und dünnen Sinterüberzügen auf anstehendem Fels. Die Ausfällung des Kalks ist dabei eng an die Quellen selbst und auf den obersten Teil der von ihnen wegfließenden Rinnsale begrenzt.
Ein etwas großflächigeres Vorkommen befindet sich im Großklausental, 300 m südlich der Großklausenalm, wo sich am Hangfuß Quellaustritte häufen. Östlich des Kamplehen-Hofes, oberhalb des Wanderweges von Steinhaus nach St. Jakob, hat sich entlang eines Bächleins eine kleine steinerne Rinne gebildet. Ein weiteres kartierwürdiges Vorkommen liegt im Pürschtal auf 1625 m, oberhalb der Brücke des Fahrweges über den Pürschbach, wo kalkreiche Sickerwässer des Schönberges am Bacheinschnitt austreten und Rinnsale vom Lutterkopf zufließen.