D. Tektonik

Die heute beobachtbaren tektonischen Phänomene sind das Resultat verschiedener alpidischer Bewegungsvorgänge.

Die Subduktion der penninischen Ozeankruste unter die Ostalpin-Südalpin-Adriatische Platte (DIETRICH & FRANZ 1976) (s. S. 9), bzw. die Überfahrung des Pennins durch die ostalpinen Decken, und die anschließenden zentralalpinen Hebungen sind die maßgeblich verursachenden Vorgänge. In diesen zeitlichen Ablauf, der in der Oberkreide beginnt und mit den im Oligozän nach dem Höhepunkt der alttertiären Regionalmetamorphose einsetzenden Hebungen im Prinzip heute noch andauert, sind die im Kapitel C. (Petrographie) beschriebenen Einzelereignisse und die in den Gefügeinterpretationen angegebenen Deformations- und Kristallisationsfolgen einzuordnen.

 

I. Obere Schieferhülle

Auffälligstes Gefügemerkmal sind die meist steil nach SSE einfallenden Haupt-s-Flächen. Ihr Streichen (ENE-WSW) stimmt mit dem der lithologischen Einheiten überein.

Die B-Achsen und B-Lineare streichen ± E-W, ebenso wie die Achsen der meist zerscherten Faltenrelikte. Die B-Achse einer isoklinalen, in "normales" Haupt-s eingeschalteten Falte (s. Abb. 12, S. 29) in den Grünschiefern weicht mit SE-Einfallen davon ab.

Ob. Schieferhülle im Schmidtschen Netz

Abb. 58: a. Haupt-s-Flächen und B-Lineare (rot) der Oberen Schieferhülle.
b. Kluftflächen der Oberen Schieferhülle.
(Darstellung im Schmidtschen Netz.) (FR: Feinrunzelung.)

Nach der Nomenklatur in der Interpretation auf S. 51, entsprechen die Haupt-s-Flächen dem dominanten s2-Flächengefüge und die Faltenrelikte zerscherten F2-Falten. Die verursachende Deformation D2 führt auch zu den großtektonischen Verschuppungen. Die Achsen der bei D3 entstehenden flachwelligen Falten streichen ebenfalls ± ENE-WSW bis E-W. Die Deformationsrichtung blieb also offensichtlich gleich.

 

II. Matreier Zone

Die B-Achsen und B-parallelen Lineare streichen bei unterschiedlichem Einfallen größtenteils ENE-WSW bis NE-SW. Zusätzlich treten einige nach SE einfallende Lineare auf (s. Abb. 59b).

Auch das Streichen der Haupt-s-Flächen ist gegenüber dem in der Oberen Schieferhülle leicht nach NE-SW versetzt. Im Gelände findet ein langsamer Übergang statt, so daß aus dem Streichen der Haupt-s-Flächen keine tektonische Grenze zu erschließen ist. Auch das Einfallen erlaubt keine entsprechende Abtrennung. Überwiegend fallen die s-Flächen steil nach SSE. Einfallsrichtungen nach NNW sind auf die unmittelbare Nachbarschaft des Serpentinitkörpers beschränkt, der offenbar als Störkörper wirkt und auch für die nach SE einfallenden B-Lineare verantwortlich ist.

Matreier Zone im Schmidtschen Netz

Abb. 59: a. Haupt-s-Flächen der Matreier Zone.
b. B-Lineare der Matreier Zone.
(Darstellung im Schmidtschen Netz.)

Den Serpentinit selbst durchzieht eine Vielzahl von Flächen (s. Abb. 60a), die aufgrund magnetischer Störwirkungen häufig nicht einmeßbar sind.

Serpentinit (MZ) im Schmidtschen Netz

Abb. 60: a. Flächen im Serpentinit oberhalb der Pürschtal-Alm.
b. Kluftflächen der Matreier Zone (ohne Serpentinit).
(Darstellung im Schmidtschen Netz.)

Wie in der Oberen Schieferhülle ist auch in der Matreier Zone Schuppung und Scherung der dominierende Deformationsstil. Bedingt durch bessere Aufschlußverhältnisse und andersartige Gesteine sind jedoch mehr Faltenstrukturen erhalten als in der Oberen Schieferhülle. Dominieren in dieser isoklinale Faltenreste (F2), zu denen untergeordnet F3-Falten einer späteren Deformationsphase treten, so tritt in der Matreier Zone ein offenerer F2-Faltentypus auf (s. Taf. 3 u. 4). Eine flachwellige Verfaltung, die mit F3 der Oberen Schieferhülle korrespondierten dürfte, ist ebenfalls festzustellen. Die Vergenzen gehen allgemein nach Nord.

Schuppung und Scherung führen zu "Schicht"-Wiederholungen, zu "Schicht"-Reduktionen und zu "Schicht"-Ausfällen. Lithologische Einheiten können bereits am Nachbargrat reduziert sein, ausfallen oder in einer anderen Position der Abfolge erscheinen. Auch im Meter-Bereich sind diese Phänomene zu erkennen. Häufig keilen einzelne Schuppen bereits nach einigen Metern wieder aus.

Scheinbar fehlende Einheiten müssen jedoch nicht tatsächlich fehlen. Ebenso wäre möglich, daß es sich um Schuppen handelt, die in einem noch nicht aufgeschlossenen tieferen Bereich auskeilen oder ehemals in einem höheren, bereits abgetragenen Bereich situiert waren.

Der Übergang ins Altkristallins wird durch einen Wechsel in der Gesteinsfazies angezeigt. Eine tektonische Diskordanz ist nicht feststellbar.

III. Altkristallin

Die Cima-Dura-Serie, der Anteil des Altkristallins am Arbeitsgebiet, gehört zur Zone III des Nordblocks nach STÖCKHERT (1982) (s. S. 7). In ihr sind keine präalpidisch geprägten Mineral- und Strukturrelikte mehr vorhanden.

Die Überfahrung des Pennins durch das Ostalpin führte nach STÖCKHERT (1982) zu intensiver Warmdeformation (p>4kb, T 410-470°C); die jungalpidische Deformation erfolgte bei 350-300°C. Von der altalpidischen Foliation sind nur noch isolierte Faltenscharniere erhalten.

AK im Schmidtschen Netz

Abb. 61: a. Haupt-s-Flächen des Altkristallins.
b. B-Lineare des Altkristallins.
(Darstellung im Schmidtschen Netz.)

Im Gelände sind s- und B-betonte Bereiche zu unterscheiden.

Die Haupt-s-Flächen fallen überwiegend nach SSE ein. Ihr Maximum im Schmidtschen Netz bei 348/80 entspricht etwa denen von Oberer Schieferhülle und Matreier Zone. Ihre Streuung ist jedoch breiter. Bedingt ist dies durch eine Verfaltung im Aufschlußbereich und darüber hinaus.

Die B-Achsen fallen in der Masse flach nach WSW ein (s. Abb. 61b). Einige B-Achsen im südlichen Teil der Cima-Dura-Serie, im Pürschtal, fallen nach S ein.

Eine Zunahme des Einfallswinkels der s-Flächen und B-Achsen von Nord nach Süd, wie sie GODIZART (1984) in seinem Gebiet beobachtet, kann nicht festgestellt werden.

Auch die Streuung der Klüfte im Altkristallin ist größer als in Oberer Schieferhülle und Matreier Zone. Berücksichtigt man jedoch, daß aufgrund besserer Aufschlußverhältnisse in das Diagramm eine größere Anzahl an Meßwerten eingeht, so passen die gemessenen Werte der drei Bereiche sehr gut zusammen.

AK-Klüfte im Schmidtschen Netz

 

 

Abb. 62:

Kluftflächen des Altkristallins.
(Darstellung im Schmidtschen Netz.)

Struktur im östlichen Großklausental-Talschluß

 

 

Abb. 62:

Große, flachwellige Struktur im östlichen Großklausental-Talschluß (im Hintergrund der charakteristische Gipfel des Katzenkofels).
Geschätztes Streichen der B-Achse E-W bis ESE-WNW. (Blickrichtung nach ENE.)

Linsenartige Struktur im Bärental-Talschluß

Abb. 64: Bärental-Talschluß mit Hirbernock. Deutlich ist eine große linsige Struktur zu erkennen,
über die eine jüngere Störung hinweggeht. (Blickrichtung nach ESE.)

 Störung im Großklausental-Talschluß

Abb. 65: Großklausental-Talschluß mit Durreck in der Bildmitte und Gipfel 2959 am linken Bildrand. Auf den Gipfel zwischen
beiden scheint eine Störung zu ziehen, die eine hellere von einer dunkleren Gneispartie trennt.
Der Neuschnee betont weitere dazu parallele Bänder. (Blickrichtung nach ESE.)
[Rote Markierungen nur in der Online-Version]

 

IV. Junge Bruchtektonik

Mit der im Oligozän nach dem Höhepunkt der alttertiären Regionalmetamorphose einsetzenden Hebung (s. S. 9 u. S. 124 ff.) und Erosion der höheren Decken ging eine weitere Abkühlung einher. Die Gesteine verloren ihre Plastizität und reagierten auf noch vorhandene oder neu entstehende Spannungen mit Brüchen und Verwerfungen. Dabei entstanden die in den Schliffen teilweise beobachteten Kinkbands, eine auch im Gelände nachvollziehbare engständige Klüftung, Störungen - in Phylliten, Kalkglimmerschiefer und Grünschiefern mit Ruschelzonen - und tektonische Brekzien.

Die Klüfte sind, zusammen mit den bereits bei den Faltungen entstandenen, in den vorstehenden Diagrammen erfaßt (vgl. Abb. 58 bis 62).

Junge Flächen im Schmidtschen Netz

 

 

Abb. 66:

Störungsflächen und Bergzerreißungen im Arbeitsgebiet.
rot: Altkristallin
grün: Matreier Zone
blau: Obere Schieferhülle
(Darstellung im Schmidtschen Netz.)

Die Störungen im Arbeitsgebiet streichen grob NE-SW bis E-W (s. Abb. 66). Eine einzelne Harnischfläche in der Oberen Schieferhülle streicht fast N-S. Sie könnte mit den von HAMMERSCHMIDT in der Matreier Zone beobachteten, ebenfalls N-S-streichenden, Harnischflächen korrespondieren, die auf eine Blattverschiebung hinweisen (HAMMERSCHMIDT 1975). ENE-WSW streichende Blattverschiebungen in der Cima-Dura-Serie, wie sie GODIZART (1984) erwähnt, wurden nicht gefunden.

Das Netz junger Bruchstörungen spielt sicher auch bei der Anlage der Täler im Tertiär eine Rolle. Auch GODIZART (1984) weist auf die zwei dominierenden Richtungen (ENE-WSW, SSE-NNW) im Oberen Ahrntal hin.

Während und nach der Ausräumung der Täler kam es, meist in Anlehnung an vorhandene Klüfte (vgl. Abb. 58b, 60b u. 62), zu Bergzerreißungen (s. S. 165). Sie streichen im Arbeitsgebiet NW-SE bis nahezu N-S.

 

V. Zusammenfassung

Während der alpidischen Orogenese unterlagen die Gesteine der Oberen Schieferhülle und der Matreier Zone einer prograden Metamorphose in Grünschieferfazies. Im Altkristallin kam es zu retrograder Metamorphose in mittlerer bis höherer Grünschieferfazies. Da das alpidische Haupt-s in allen drei Einheiten etwa gleich entwickelt ist und zwischen den Einheiten keine tektonischen Diskordanzen feststellbar sind, bildeten sie wahrscheinlich bereits bei der maßgeblichen Gefügeprägung einen Verband. Spätere Deformationen verbiegen das Haupt-s und wirken ebenfalls gefügeprägend auf alle drei Einheiten, die aufgrund unterschiedlicher Lithologie dabei im einzelnen unterschiedlich reagieren können.

Nach der Abkühlung unter 300°C, die nach BORSI, DEL MORO, SASSI, ZANFERRARI & ZIRPOLI (1978) noch im Oligozän erfolgte, setzte verstärkt bruchhafte Verformung ein. Als jüngste Erscheinung kamen Bergzerreißungen zum Tragen, die auch rezent noch andauern.


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© HARALD ROST